Renten stärken alte Menschen und ihre Enkelkinder

Kwa Wazee führt seit 2003 ein Pilotprogramm im Distrikt Muleba in Kagera, Tansania – einem Gebiet, das besonders stark von den Folgen von HIV/Aids betroffen ist. Sozialrenten haben sich dabei als wirkungsvollste Massnahme zum Schutz und zur Stärkung alter Menschen erwiesen.

Nachbarn unterstützen sich gegenseitig

Die Förderung von Nachbarschaftsgruppen verstärkt die Selbsthilfe alter Menschen und erleichtert Initiativen zur Gesundheistvorsorge, zu mehr physischer Sicherheit und zu Rechtsschutz. Kinder, die bei ihren Grossmüttern aufwachsen, sind ebenfalls in unzähligen Selbsthilfegruppen organisiert.

Studien liefern Grundlagen

Mehrere Studien zum Kwa Wazee Programm beschreiben die Wirksamkeit der Ansätze und sie geben Hinweise auf Chancen und Herausforderungen. Alle bisherigen Studien zeigen, dass alte Menschen auch in besonders abgelegenen Gebieten mit Renten erreicht werden können.

Wenn das Leben auf einen ein-zigen Raum schrumpft, ist jede kleine Unterstützung lebens-wichtig.

Von Ackillah Yoramu, Programmbeauftragte bei Kwa Wazee in Nshamba

Ich lernte eine Frau kennen, deren Welt sich auf die vier Wände ihres Zimmers beschränkte. Gerardina Anakeleti Mukabanabi ist 91 Jahre alt und lebt im Weiler Kishojo beim Dorf Nshamba. Seit vier Jahren kann sie nicht mehr aufstehen. Sie verlässt ihr Zimmer nicht und sieht die Welt draussen nicht mehr. Ihre Beine und Hüften versagen, ständige Schmerzen begleiten sie. Tagsüber liegt sie da und lauscht den Geräuschen des Lebens draussen:
Kinderstimmen, Nachbarschaftsgespräche, der Wechsel der Jahreszeiten – während sie selbst still bleibt.
Manchmal, erzählt sie, vergisst sie fast, wie es draussen aussieht. Nicht aus Desinteresse, sondern weil das Erinnern schmerzt. Gerardina erreicht die Toilette nicht allein. Oft wird ihr ein Waschbecken gebracht – manchmal kommt die Hilfe zu spät. Diese Momente mindern ihre Würde auf eine Weise, die schwer in Worte zu fassen ist. Sie spricht ruhig darüber, doch die Schwere ihrer Worte füllt den Raum.
Bevor sie die Kwa-Wazee-Rente erhielt, war ihr Leben noch viel härter. Trotz unerträglicher Schmerzen versuchte sie zu arbeiten, denn es gab keine Alternative. Sie ass, was sie fand – oft Bananen, die ihr starke Bauchschmerzen und wiederholte Krankenhausaufenthalte einbrachten.
Der Hunger zwang sie, die Schmerzen dem Verhungern vorzuziehen.
Heute erhält Gerardina über das Rentenprogramm von Kwa Wazee monatlich 14 500 Tansania-Schilling (ca. 5 Franken). Für Aussenstehende mag das wenig erscheinen. Für sie bedeutet es den Unterschied zwischen ständigem Leiden und spürbarer Linderung. Mit der Rente kauft sie leicht verdauliche Lebensmittel wie Reis, Mehl, Milch und Kartoffeln.
Sie kann sich Schmerzmittel besorgen, wenn die Nächte zu hart werden. Das heilt zwar nicht, macht das Leben aber erträglicher.
Die Wirkung reicht über Gerardina hinaus. Auch ihre Schwiegertochter Silvia Anakeleti (46), die sie täglich pflegt, spürt eine leichte Entlastung. Die Familie kann etwas durchatmen. Die Pflege bleibt möglich – nicht, weil die Schwierigkeiten verschwunden wären, sondern weil sie nicht mehr ganz allein getragen werden müssen.
Da Gerardina nicht reisen kann, holt ein vertrauenswürdiges Gemeindemitglied ihre Rente ab und bringt sie ihr vorbei. Dieses stille System aus Vertrauen funktioniert zuverlässig. Es zeigt sich: Auch in extremer Verletzlichkeit helfen sich Menschen gegenseitig, wenn ihre Gemeinschaften gestärkt und ernst genommen werden.
Auf meine Frage, was die Rente für sie bedeutet, antwortet Gerardina: „Jeden Monat bete ich für die Spender. Ich bitte Gott, sie zu segnen und ihnen die Kraft zu geben, sich weiter an die Menschen zu erinnern, die schwach, unsichtbar und ohne eigene Stimme sind.“
Mehr als hundert ältere Menschen in unserem Programm teilen Gerardinas bittere Realität: Sie können weder gehen noch reisen oder arbeiten und sind vollständig auf die Hilfe anderer angewiesen.
Die Begegnung mit Gerardina hat mein Verständnis von sozialer Sicherheit nachhaltig vertieft. Würde zeigt sich nicht immer in grossen Gesten. Oft liegt sie in kleinen, verlässlichen Beträgen, die es ermöglichen, ohne quälenden Hunger zu essen, ohne Angst zu schlafen und sich wirklich wahrgenommen zu fühlen.

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